Familienvermögen in Gefahr

Philip Marcovici spricht über die Beurteilung der politischen Risikoexposition für vermögende und Unternehmerfamilien.

 19.04.2017

Schutz des Familienvermögens vor politischen Risiken

Die Welt verändert sich schneller als je zuvor. Während Veränderung für einige von uns eine Vielzahl neuer Möglichkeiten bedeuten kann, bleiben andere auf der Strecke. Natürlich ist die Welt, in der wir leben, schon seit jeher von Ungleichheit geprägt. Allerdings wird die ungleiche Vermögens- und Einkommensverteilung heute zunehmend zum Problem. Weiter verstärkt werden die Gefahren durch unangemessenes Verhalten einiger Wohlhabender und deren Unfähigkeit, zu erkennen, dass Bilder von exzessiven Urlauben bei Instagram und Facebook von populistischen Politikern genutzt werden, um das Thema Ungleichheit als Mittel zum eigenen Machtgewinn zu missbrauchen.

Die Vermögensverwaltungsbranche war nicht hilfreich

Nach dem Missbrauch des Bankgeheimnisses zur Unterstützung von Privatpersonen bei der Umgehung ihrer Steuerpflichten stehen der Vermögensverwaltungsbranche jetzt Jahrzehnte der Überreaktion bevor: aggressiver Informationsaustausch, Verlust der Privatsphäre, populistische Regierungen, die es auf Vermögende abgesehen haben, und mehr. „Swiss-Leaks“, die Panama Papers und andere Ereignisse haben nicht dazu beigetragen, die richtige Atmosphäre für Diskussionen und Fortschritte zu schaffen.

In diesem Umfeld ist es wichtig, dass vermögende und Unternehmerfamilien ihre politische Risikoexposition beurteilen. Vermögende können in vielerlei Hinsicht davon betroffen sein, und die Ausprägungen dieser Risiken variieren stark. Für einige bezieht sich das politische Risiko auf das Land ihres Wohnsitzes oder ihrer Staatsangehörigkeit. Für andere geht es um den Ort, an dem sich ihre Eigentumsstrukturen wie Treuunternehmen, Stiftungen, Firmen usw. befinden. Darüber hinaus stellt auch der Investitionsstandort eine Quelle des politischen Risikos dar.

Aber was sind eigentlich politische Risiken, und wie kann ich als Vermögensinhaber mich und meine Familie schützen?

Wie dieser Konflikt entstand

Typische chinesische Unternehmerfamilien investierten früher nicht nur in ihre Betriebe, sondern übernahmen auch Verantwortung für ihre Arbeiter. Sie bauten Häuser, Spitäler und Schulen und boten denen, die ihnen beim Aufbau ihres Vermögens und ihres Vermächtnisses halfen, eine Versorgung von der Wiege bis zur Bahre. Seit die sozialen Belange zunehmend von Regierungen abgedeckt werden, herrscht bei den Unternehmern und Vermögenden immer häufiger Verantwortungslosigkeit, oft verstärkt durch Berater, die den Luxus des inzwischen nicht mehr existenten steuerbasierten Bankgeheimnisses «verkaufen».

Was sind politische Risiken?

Es gibt viele Risiken, die unter den Begriff «politisches Risiko» fallen. Die Enteignung von Vermögenswerten, in welcher Form auch immer, ist eines der grössten Risiken. Diesem sollte man sich annehmen. Aus völkerrechtlicher Sicht verfügt ein Land über das souveräne Recht, Vermögenswerte innerhalb der eigenen Grenzen zu enteignen. Sofern es sich um Vermögenswerte im Besitz von Einheimischen handelt, gibt es dabei keinen völkerrechtlichen Schutz, der Entschädigungen oder Anderweitiges gewährleistet. Lebt ein Vermögensinhaber in einem Land, in dem zumindest in gewissem Umfang die Gefahr einer Vermögensenteignung besteht, ist unter Umständen Handlungsbedarf geboten. Doch die formelle Enteignung ist nicht das einzige Risiko für Vermögensinhaber – Korruption, Missbrauch des Steuersystems und andere Probleme müssen ebenfalls berücksichtigt werden.

Politische Risiken sind auch bei der Wahl des Standorts von Treuunternehmen, Stiftungen, Partnerschaften, Investment- bzw. Holdinggesellschaften oder anderen Instrumenten zu berücksichtigen und entsprechend einzuplanen. Bei Investitionen in einer Vielzahl von Märkten, einschliesslich Schwellenländern, in denen das politische Risiko höher sein kann, müssen selbstverständlich auch Schritte zur Reduzierung der politischen Risikoexposition in Erwägung gezogen werden.

Gefangen in zwischenstaatlichen Konflikten

Es gibt auch politische Risiken im Zusammenhang mit den Handlungen anderer Länder, beispielsweise wenn die USA oder andere Länder Vermögenswerte von Unternehmen und Privatpersonen, die mit «feindlichen» Ländern verbunden sind, einfrieren oder sperren. Solche Sanktionen können Vermögensinhaber aus einer Vielzahl von Ländern treffen. Angesichts der zunehmenden Transparenz von Vermögensbesitz- und Eigentumsverhältnissen, die sich unter anderem aus einer verstärkten Durchsetzung von Steuergesetzen und dem erhöhten Zugang zu Informationen über wirtschaftliche Eigentümer ergeben, beispielsweise durch automatischen Informationsaustausch, Vorschriften zur Geldwäschebekämpfung, öffentliche Register über wirtschaftliche Eigentümer usw., müssen immer leistungsfähigere Konzepte für den Vermögensschutz entwickelt werden.

Wie Vermögensverwalter mit politischen Risiken umgehen können

  1. Unternehmensverlagerung

Stellen Sie sicher, dass die Holdinggesellschaft eines Konzerns ausserhalb des Risikolandes ansässig ist. Wenn sich die Holdinggesellschaft in dem Land befindet, in dem der Vermögensinhaber seinen Wohnsitz hat, muss bei einer drohenden Enteignung vor allem gewährleistet sein, dass nur Vermögenswerte im Wohnsitzland betroffen sind – keine Vermögenswerte im Ausland. Befinden sich Tochtergesellschaften und verbundene Unternehmen im Besitz einer im Wohnsitzland ansässigen Holdinggesellschaft, so ist die gesamte Struktur in Gefahr. Interessanterweise machten viele vermögende Familien in Hongkong im Vorfeld der Rückkehr Hongkongs zur Volksrepublik China im Jahr 1997 von den Vorteilen dieser Art der Planung Gebrauch. Ähnlich reagierten die Unternehmen – beispielsweise die Hong Kong and Shanghai Banking Corporation, die nach einer Unternehmensverlagerung ihren Namen in HSBC änderte. Der ehemals in Hongkong ansässige Konzern mit Holdinggesellschaft in Hongkong und Vermögenswerten sowie Tochtergesellschaften ausserhalb von Hongkong, hat heute seinen Sitz in Grossbritannien und unterhält Vermögenswerte und Tochtergesellschaften mit Geschäftstätigkeit unter anderem in Hongkong. Obwohl für diese Verlagerung andere Gründe als politische Risiken geltend gemacht werden können, war das Ziel natürlich auch der Schutz vor einer möglichen Enteignung von Vermögenswerten ausserhalb Hongkongs durch China, worum sich damals viele andere Konzerne in Hongkong sorgten.

  1. Staatsbürgerschaft und Wohnsitz

Alternative oder neue Staatsbürgerschaften und Wohnsitze gehören ebenfalls zur politischen Risikoplanung. Im Moment (wahrscheinlich aber nicht dauerhaft) haben Vermögensinhaber viele Möglichkeiten hinsichtlich Staatsangehörigkeit und Wohnsitz, die bei der politischen Risikoplanung eine wichtige Rolle spielen. Ein Problem für viele Familien, mit denen ich im Nahen Osten zusammenarbeite, ist aber, dass der Besitz lokaler Vermögenswerte eine lokale Staatsangehörigkeit erfordert und eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht immer erlaubt ist (zum Beispiel in Saudi-Arabien). Hier können verschiedene Staatsangehörigkeiten innerhalb einer Familie Teil einer wirksamen politischen Risikoplanung sein.

  1. Nutzung der geografischen Diversifizierung

Ziehen Sie die Nutzung von Vermögenswerten im Wohnsitzland und die Verschiebung liquider Mittel aus dem gefährdeten Land in Betracht. Im Falle einer Vermögensenteignung reduziert sich der Wert des Vermögens im Wohnsitzland durch die Schulden, deren Erlös an anderer Stelle in der Eigentümerstruktur geschützt ist. Bei einem hohen politischen Risiko kann dies in der Praxis jedoch schwer zu erreichen sein, da die Banken unter Umständen nicht zur Übernahme des politischen Risikos bereit sind und auf persönlichen Kreditsicherheiten bestehen. Wie in anderen Bereichen erfolgt die optimale Planung zur Minimierung politischer Risiken am besten möglichst frühzeitig.

  1. Investitionsschutzabkommen und Absicherung gegen politische Risiken

Die genaue Berücksichtigung der Eigentumsverhältnisse von Vermögenswerten im Wohnsitzland kann sehr wichtig sein. Anstatt die Vermögenswerte im direkten Besitz des Vermögensinhabers zu belassen, ist möglicherweise das Zwischenschalten einer Holdinggesellschaft mit Sitz in einem Land sinnvoll, in dem von Investitionsschutzabkommen und möglicherweise einer Absicherung gegen politische Risiken profitiert werden kann – was bei einem direkten Besitz durch einen Staatsangehörigen des betroffenen Landes unter Umständen beides nicht gegeben ist.

Investitionsschutzabkommen sind häufig ein vernachlässigter Bestandteil der Planung: Wenn ich mit einem auf den Britischen Jungferninseln ansässigen Unternehmen in China investiere, besteht keine Steuerpflicht auf den Britischen Jungferninseln, dafür gibt es aber auch kein Investitionsschutzabkommen zwischen den Britischen Jungferninseln und China. Wenn ich mit einem in Singapur ansässigen Unternehmen in China investiere, profitiere ich nicht nur vom Steuerabkommen zwischen China und Singapur, sondern auch vom Investitionsschutzabkommen zwischen den beiden Staaten. Und wenn ich die Gewinne nicht nach Singapur überweise, bleibe ich in Singapur von der Steuer befreit, woraus sich die gleichen Steuervorteile wie bei einem Unternehmen mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln ergeben.

Bei der politischen Risikoplanung ist es aber auch wichtig, die Fähigkeit eines Landes wie Singapur zur Durchsetzung seiner Investitionsschutzabkommen zu berücksichtigen. Möglicherweise ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach dem Recht der Vereinigten Staaten, mit der auch Steuerfreiheit erzielt werden kann, eine bessere Option, zumal die USA auch über Investitionsschutzabkommen mit China und vielen anderen Ländern verfügen – und wirtschaftlich sowie militärisch deutlich besser aufgestellt sind, um die Rechte ihrer Investoren, darunter US-Unternehmen von Vermögensinhabern, die sich für die richtige Art von Planung zur Minimierung politischer Risiken entschieden haben, durchzusetzen.

  1. Aussetzen von Eigentum im Falle von politischen Risiken

Eine weitere Möglichkeit bietet sich Vermögensinhabern mit Wohnsitz in einem Land, in dem für Staatsangehörige oder Einwohner das Risiko von Enteignung oder andere Herausforderungen bestehen. In diesem Fall können vor allem Strukturen, die unter bestimmten Umständen Eigentumsbeteiligungen zurückziehen oder das Familieneigentum aussetzen, sinnvoll sein. Zum Beispiel ist es durchaus üblich, dass Treuunternehmen Regelungen für den Umgang mit politischen Risiken auf der Ebene der Rechtsordnung des Treuhänders haben. Diese Bestimmungen können etwa vorsehen, dass im Falle einer Änderung der Steuergesetzgebung im Land des Treuhänders oder bei einer drohenden Enteignung ein automatischer Wechsel des Treuhänders stattfindet. Seltener werden ähnliche Bestimmungen auf die Ermessensbegünstigten angewandt. Bei der Formulierung sollte daher darauf geachtet werden, dass wirtschaftliches Eigentum eines Begünstigten in einer Zeit, in der der Begünstigte mit einem Land in Verbindung steht, in dem es zu Enteignungen oder anderen politischen Risikoereignissen kommt, ausgesetzt wird.

  1. Versicherungsvereinbarungen

Gut strukturierte Versicherungsvereinbarungen dienen dazu, das Eigentum an Vermögenswerten auf eine Versicherungsgesellschaft zu übertragen statt auf ein Familienmitglied, das von einem politischen Risikoereignis betroffen sein könnte. Diese Trennung des Eigentums kann so strukturiert werden, dass sich politische Risiken deutlich minimieren lassen. Eine Reihe von Versicherungsgesellschaften ist bereit, ihre Bedingungen auf diese Ziele sowie das wirtschaftliche und sonstige Eigentum vermögender Familien auszuweiten. Die Wahl einer Versicherungsgesellschaft mit Sitz in einem Land mit Investitionsschutzabkommen kann wichtig sein und ist ein Bestandteil effektiver Planung.

Persönlicher Ausblick: Der allseits gesuchte faire Deal

Ich finde es sehr interessant, wie viel Aufwand für Analyse und weitere Überlegungen im Investitionsprozess betrieben wird und wie wenig Aufmerksamkeit politischen Risiken und ihrer Steuerung geschenkt wird. Die Welt steckt voller Risiken, was auf viele verschiedene Gründe zurückzuführen ist. Die Planung zur Minimierung politischer Risiken ist etwas, das jeder Vermögensinhaber regelmässig abwägen und überwachen muss. Für viele Familien, mit denen ich zusammenarbeite, kommen bei der Entwicklung eines Besitz-, Schutz- und Nachfolgeplans für Vermögen alle der oben genannten Ansätze ins Spiel.

Obwohl ich der Meinung bin, dass wir Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung bekämpfen müssen, glaube ich nicht, dass Regierungen immer die richtige Antwort sind, genauso wenig wie höhere Steuern. Ich glaube, es muss noch viel mehr getan werden, um einen Dialog zwischen Regierungen, der allgemeinen Bevölkerung und der Vermögens- und Unternehmergemeinschaft zu schaffen – etwas, an dem ich zusammen mit einigen Universitäten arbeite. Die Regierungen müssen verstehen, welche Vermögensinhaber und Unternehmer einen Beitrag leisten, und die allgemeine Bevölkerung muss darauf vertrauen, dass Staaten nicht von der Wirtschaftselite geführt werden, was leider zu oft der Fall ist, sei es in Demokratien oder anderen Staatsformen.

Ich bin nicht von der steuerfreien Erbschaft überzeugt, wie es in Hongkong der Fall ist, wo ich lebe. Genauso wenig erachte ich die in vielen Ländern geltende Erbschaftssteuer von 40 Prozent oder mehr als sinnvoll. Ich glaube an faire und transparente Steuersysteme, die sich einfach durchsetzen lassen, teure Steuerberater überflüssig machen und dafür sorgen, dass das Geld an Regierungen geht, die nicht korrupt sind und die ihre Steuereinnahmen richtig einsetzen. Wir sind noch weit von dieser Utopie entfernt, aber der erste Schritt besteht in einem besseren Dialog und Verständnis sowie einer Vermögens- und Unternehmergemeinschaft, die sich mehr um ihre Verantwortung für unsere Welt als um ihre Spielzeuge sorgt.

Posted on 19.04.2017 by Philip Marcovici

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